Apps. Woher kommen sie und was soll dieser Hype?

Karolina Schilling  Follow on Twitter
UX Designer & Consultant | ks@muppetti.de
10. Mai 2016

Apps. Woher kommen sie und was soll dieser Hype?

Tatsächlich . . . „App“ leitet sich nicht von Apple ab. Auch wenn es passend wäre.

Die einfachste (und zugleich unspektakulärste) Variante ist, dass eine App ein Programm ist. So wie Photoshop auch ein Programm ist. Oder Microsoft Word. Oder der Texteditor. Oder ein Browser. Oder . . . TETRIS! Schon unsere alten Nokia-Handys hatten Apps. Uhr, Kalender, SMS, Kontakte, Pacman, Tetris, so gesehen alles Apps.

Das uns bekannte Wort „App“ leitet sich von dem englischen Wort Application ab und bedeutet Anwendung. Eine App ist also ein Programm, das wir anwenden, um damit etwas Bestimmtes zu tun, zu rechnen, anzurufen, zu spielen, zu schreiben, Nachrichten zu versen- den. Die meisten Handys wurden und werden gleich mit einer Uhr-App, einer Taschenrech- ner-App, SMS- und Mail-App ausgeliefert. Doch im Apple App Store und bei Google gibt es mehr als 1 Millionen Apps – was machen all die anderen Apps? Wie kommt es, dass es so viele gibt? Brauchen wir die alle?

Apps können eins besonders gut – und das ist gut

Im Gegensatz zu einem Programm wie Photoshop oder Word beschränkt sich eine App meist auf eine Aufgabe. Das ist sinnvoll und nötig, denn wie sollte man solch ein Monster wie Photoshop oder Word auf einem kleinen Touchscreen benutzen können? Allein, um alle Funktionalitäten dieser Programme anzuzeigen, müsste man schon ein riesiges, ausgeklügeltes Menü haben.

Nein, wir stehen vielleicht gerade im Nieselregen und wollen schnell herausfinden, wann der Bus kommt. Oder wir wollen jetzt ein Foto machen und möglichst fix eine SMS schreiben. Das geht alles nur zügig, weil klar ist, welche unserer installierten Apps das kann und wie wir es machen; weil sie für ihre Hauptfunktionen eindeutige Buttons anbietet: einen dicken Aus- löseknopf oder eine Tastatur mit einem auffälligen Senden-Knopf oder ein Eingabefeld mit einem Suchen-Knopf. Keine langwierige Software-Schulung ist nötig, kein Vertreter kommt vorbei und erklärt Ihnen, wie Sie die App bedienen sollen. Eine gute App ist so gemacht, dass sie intuitiv bedienbar und schnell erlernbar ist.

Nun kann man die Menge der Apps mit der Menge an verschiedenen Aufgaben verbinden: eine App für Fotos, eine zum Bearbeiten von Fotos, eine zum Synchronisieren von Fotos. Eine App für Kaffee mahlen, fürs Kaffee kochen und Kaffee trinken . . . nur Spaß. Das gibt einiges her, aber das wird nicht diese Unmengen an Apps erklären.

App Stores – Geniale Geschäftsmodelle

Ich habe eine bessere Erklärung für Sie: Es ist das Konzept der App Stores. Als Apple den App Store eingeführt hat und so der Welt ermöglichte, eigene kleine Programme für das revolutionäre iPhone auszudenken und gegen eine Gebühr in den App-Shop einzustellen und auch gegen eine Gebühr zu verkaufen, war ein hervorragendes Geschäftsmodell von Apple für Apple geschaffen. Natürlich heißt Apple dann möglichst viele Apps willkommen. Vor allem welche, die nicht kostenlos angeboten werden.

Doch Apple hat noch etwas ermöglicht und einen Kanal in die Welt gesetzt, in dem Kunden Produkte für Kunden erschaffen. Und während diese verkauft werden, verdient Apple von beiden Seiten daran; bei demjenigen, der eine App einstellen möchte (mindestens 99 $ jähr- lich), und bei demjenigen, der die App kauft (30 % des Preises).

Moment mal, Produkte? Ja, Produkte. Apps sind Produkte. Was sollen sie sonst sein, wenn man damit Geld verdienen kann? Und wenn Sie vorhaben, eine App zu konzipieren, sie zu gestalten und eine ansprechende Hülle in Form eines App-Icons zu geben, dann sind Sie ein Produktdesigner. Ha! Haben Sie damit gerechnet?

Auf der Website von Apple können Sie sich in den Pressenews immer über die aktuellen Geschehnisse und Zahlen informieren. Von dort habe ich die Info, dass Apple in der ersten Januarwoche 2015 einen neuen Rekord für App- und In-App-Verkäufe verzeichnet hat: Kun- den auf der ganzen Welt hätten eine halbe Milliarde Dollar ausgegeben. Sehen Sie selbst:

APP STORE RING IN 2015 WITH NEW RECORDS

CUPERTINO, California ― January 8, 2015 ― Apple® today announced that the first week of January set a new record for billings from the App StoreSM with customers around the world spending nearly half a billion dollars on apps and in-app purchases, and New Year’s Day 2015 marked the single biggest day ever in App Store sales history. These milestones follow a record-breaking 2014, in which billings rose 50 percent and apps generated over $10 billion in revenue for developers. To date, App Store developers have earned a cumulative $25 billion from the sale of apps and games. The introduction of iOS 8, the most significant iOS update ever, gave developers the ability to create amazing new apps and offers innovative features which proved wildly popular with App Store customers around the world.

Auf: https://www.apple.com/pr/library/2015/01/08App-Store-Rings-in-2015-with-New-Records.html

Und Google?

Auch bei Google Play ist viel Bewegung in die Verdienste gekommen. Lange Zeit galten Android-Nutzer im Gegensatz zu Apple-Nutzern als nicht so zahlungswillig. Das ist nachvollzieh- bar, denn viele günstige Smartphone-Modelle haben Android und damit auch oft den Zugang zum Play Store installiert. Doch die heterogene Zielgruppe schien bisher eben auf den Euro zu schauen. In meiner Wahrnehmung und gemäß der Zahlen, die ich auf TechChrunch dazu gefunden habe, gibt es eine unübersehbare Angleichung. Der App-Markt boomt. Es gibt ein Bewusstsein für App-Produkte, das von den Early Adopters (denjenigen, die gern Neues aus- probieren) und den am Lifestyle orientierten iPhone-Nutzern jetzt auch auf die anderen Platt- formen und Nutzer übergeht. Ich vermute, dass auch der Windows Phone Store mitwachsen wird – attraktive Geräte, eine ansprechende Oberfläche (und wir wollen daran denken, dass Windows das Flat Design eingeführt hat!) und immer mehr App-Produkte machen’s möglich. Eine spannende Zeit.

Wahrscheinlich ist dies wieder ein Punkt, bei dem sich die Leute von Nokia die Haare ausgerissen haben: Es gab vorher auch schon eine Art App Stores. Man konnte sich damals kleine Spiele (Tetris nicht zu vergessen) über SMS zuschicken lassen. Das war toll, aber mit sehr begrenzter Auswahl. Wie eine altertümliche Radiostation, die nur das sendet, was ihr selbst einfiel. Es kann den Zuhörer interessieren oder auch nicht. Doch über den Apple App Store konnte praktisch jeder senden und ein eigenes Programm anbieten. Mit den von Apple zur Verfügung gestellten Entwicklungstools, einer umfangreichen, leserlichen Dokumentation und dem Willen, sich in diese einzuarbeiten, konnte quasi jeder eine App erstellen und inter- national anbieten.

Jeder kann ein Angebot schaffen

Und mit jeder meine ich wirklich jeder. Schon Kinder interessieren sich für App-Entwicklung, arbeiten sich in die Möglichkeiten ein und setzen unbefangen ihre Ideen um, als wäre die Entwicklung eine virtuelle Art LEGO. Sie bringen ihre Apps in den Store und erschaffen die gesamte App-Welt mit – aus ihrer eigenen Perspektive. Was für eine Bereicherung!

Um zu programmieren, muss man kein Freak mehr und auch nicht genial sein. Sie können in Hunderten von Online-Kursen, an fertigen Beispielen, Video-Tutorials und mit Büchern programmieren lernen, um Apps selbst zu entwickeln.

Natürlich haben wir damit im App Store eine riesige Redundanz – viele App-Ideen gibt es doppelt und dreifach und zehnfach. Statt einer Taschenrechner-App, die sowieso mit dem iPhone-Betriebssystem ausgeliefert wird, finden wir noch zig weitere. Wer braucht das denn, fragen Sie vielleicht. Und ich sage Ihnen: die Nische.

Im App Store kann die Nische – zum Beispiel eine Handvoll verrückter Mathematiker – für die Nische ein App-Produkt anbieten, wie zum Beispiel Tydlig, einen besonderen Taschen- rechner. Dieser stellt die Ergebnisse gleich visuell dar. Außerdem verknüpft er Zahlen mitei- nander, sodass Sie diese nur an einer Stelle ändern müssen – alle verbundenen Werte ändern sich automatisch mit. Sie rechnen auch nicht mehr nur mit der Tastatur und einem Mini- Display, sondern der ganze Screen steht Ihnen so zur Verfügung, als würden Sie auf einem Whiteboard Formeln malen können. Eine tolle Idee – Mathematik, Formeln, Werte in Echt- zeit visualisiert für 1,99 €.

Und das ist es auch schon, worauf ich hinauswill: Der Smartphone- und App-Hype ist so groß, dass es ein Massengeschäft geworden ist. Aber die ganze Masse mit einer App anzusprechen, ist unmöglich. Wenn Sie jedoch in Ihrer Nische eine Lösung finden, die Ihr eigenes Leben vereinfacht oder Sie selbst begeistert, also einen echten Kernnutzen erschaffen oder Unter- haltung anbieten, dann können Sie annehmen, dass auch andere Menschen davon Gebrauch machen werden.

Eine Nische, eine ganz bewusst gewählte Zielgruppe, in der man sich am besten selbst auskennt, anzusprechen, hat die Chance, seine Kunden zu finden.

Quellen:

  • Bild oben: https://en.wikipedia.org/wiki/Mobile_game#/media/File:TI83tris.JPG