Karolina Schilling  Follow on Twitter
UX Designer & Consultant | ks@muppetti.de
11. Mai 2016

Mobile Technologien sind nutzerzentrierte Technologien

Der Hype dieser vielfältigen Apps funktioniert, weil unter allem eine erstaunliche Technologie zu finden ist, die sich dem Nutzer nicht aufdrängt. Bisher hatte ich nur das iOS angesprochen, aber in einem modernen Smartphone befindet sich weit mehr. Vor allem, was die Hardware angeht. Beispielsweise haben Smartphones einen Annäherungssensor über dem Touchscreen eingebaut – Sie sehen da bestimmt so ein schwarzes Löchlein, das etwas kleiner als eine Frontkamera ist. Hintergrund ist: Sobald Sie den Touchscreen während eines Telefonats an Ihr Ohr halten, wollen Sie natürlich nicht, dass Ihre Ohrmuschel ungewollte Eingaben macht. Deshalb wird der Screen deaktiviert, sobald Sie beim Telefonieren eine größere Fläche vor den Sensor halten. So nur ist das Telefonieren damit möglich. Probieren Sie es aus, Sie können auch ein- fach Ihre eigene Nummer wählen und Ihre Hand vorhalten und sehen, was passiert.

Was ich daran spannend finde, ist, dass eine neue Technologie wie der Touchscreen für den Finger weitere Erfindungen mit sich bringt, die notwendig werden, damit das Konzept Smart- phone aufgeht. Ohne den Annäherungssensor könnten Sie zwar mit einem Headset telefonie- ren, aber die altbekannte Art, das Telefon ans Ohr zu legen, wäre damit undenkbar. Und dann wäre das Smartphone nicht praktikabel. Es würde uns zwingen, eine altgewohnte Tätigkeit signifikant zu ändern. Wer will das? Wer will seine Gewohnheiten zugunsten der Technik ändern? Ja, genau. Heute wollen das die wenigsten, aber vor der Ära des Design Thinking10 war es gang und gäbe, die Technik über unser Verhalten bestimmen zu lassen – in Form von missverständlicher Software, elektrischen Kaffeemühlen, die überall Kaffee in der Küche verstreuen, wenn man sie nach dem Mahlen öffnet, um an den Kaffee zu kommen. Unpraktische Toilettenspülungen, rutschige Herdgriffe, Türen, die zur falschen Seite aufge- hen, oder ein anderes schreckliches Beispiel Ihrer Wahl können uns in unserem Alltag oder bei der Arbeit auf den Keks gehen. Wir denken, das muss so sein. Aber die Wahrheit ist: nein. Schlecht gedachte Dinge muss es nicht geben. Heutige Software wird nutzerzentriert ent- wickelt – mit Blick auf die Bedürfnisse und die Situation des Nutzers. In Kapitel 3 – User Experience – beschreibe ich diese durchwachsene Welt des Nutzers mit seinem Smartphone.

Apps sind nutzen- und nutzerzentriert

Das Buch „The Design of Everyday Things“ von Donald A. Norman kam zum ersten Mal 1988 heraus. Es beschreibt in humorvollen Sätzen, wie wichtig es für uns ist, dass alltägliche Dinge (wie die oben genannte Kaffeemühle, Türen, Herde usw.) einfach, verständlich und unserem menschlichen Körper sowie Verhalten angepasst funktionieren. Natürlich war einigen Designern schon immer klar, dass genau das gutes Design ausmacht, und trotzdem gibt es bis heute Software z. B. in Zahnarztpraxen, die nur nach intensiver Schulung verwendet werden kann. Auch das MS Office ist im Vergleich zu moderner Software sehr voll, zu viel, zu unlogisch und als Anwenderin würde ich mir wünschen, ich könnte Funktionen später dazu installieren, wenn ich sie wirklich brauche. Software, die so viele Features wie nur irgend möglich anbietet, ist aus dem heutigen Blickwinkel der Apps out.

Apps helfen uns, die Fokussierung auf eine Aufgabe auch für andere Software zum Mittelpunkt zu machen. Viele Webanwendungen verkörpern dieses Prinzip bereits – wen wundert’s, wenn wir mit unseren Smartphones überall herumsurfen. Das Web wird dem Smartphone angepasst, und was dabei herauskommt, sind ähnliche Strukturen wie bei Apps: einfaches Menü, mehr Klicktiefe, wichtigster Content oben, große Schaltflächen.

Apps verändern unser Bild von Software. Wenn wir einfache Bedienung mit Apps gewöhnt sind, warum sollten wir dann noch Software benutzen wollen, die nicht einfach zu bedienen ist? All die digitalen Eingeborenen (also die Digital Natives – alle rund um das Jahr 2000 Geborenen), die jetzt mit dem Smartphone und Apps aufwachsen und bereits einfache Lösungen für ihre Probleme und Bedürfnisse kennen, werden kein Verständnis für lang- same, nervige, unschlüssige Software haben. Was das für eine junge Zahnarzthelferin bedeu- tet, die etwas in die altertümliche Software am PC einpflegen soll, will ich mir gar nicht ausmalen. Am Ende stellt sich heraus, dass für eine Zahnarztpraxis eine gut gemachte iPad-App völlig ausreicht. Wozu ein PC mit aufwendiger Wartung und Updates vom Fachmann, wenn das iPad mobil ist und das App-Update übers Netz geht?

Nun wird’s Zeit, dass die Software-Titanen von Microsoft, Adobe oder eben den Software- Herstellern für bestimmte Nischen wie Ärzte, Krankenhäuser, Versicherungen etc. begreifen, dass wir nach der Zerstreuung wieder das Bedürfnis nach Fokussierung bekommen. In allen Lebensbereichen. Insgeheim glaube ich, dass Apps deswegen diesen Hype ausgelöst haben, weil wir uns wieder nach Monotechnismus sehnen.

Quellen – von oben nach unten:

  • Bild 1: https://images.pexels.com/photos/1083622/pexels-photo-1083622.jpeg?cs=srgb&dl=adult-busy-cellphone-1083622.jpg&fm=jpg